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Gewaltprävention in der Pflege

Gewaltprävention gehört zu den zentralen Aufgaben professioneller Pflege. Der Beitrag zeigt, wie Wissen, klare Strukturen und eine empathische Haltung dabei helfen, Gewalt vorzubeugen und Pflegenden sowie den zu Pflegenden Sicherheit im Alltag zu geben.

Handlungssicherheit durch Wissen, Strukturen und Haltung

Gewalt in der Pflege ist ein sensibles, aber real existierendes Thema – sowohl in Richtung der zu Pflegenden als auch gegenüber Pflegenden. Laut aktuellen Studien des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) berichten bis zu 60 Prozent der Pfleger und Pflegerinnen von verbalen oder physischen Übergriffen im beruflichen Alltag. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass aus Überforderung, Zeitdruck oder mangelnder Schulung auch Pflegende unbeabsichtigt zu handeln, das als gewaltförmig wahrgenommen wird – etwa durch Fixierung, Zwangsernährung oder unangemessene Kommunikation.

Gewaltprävention in der Pflege ist daher kein Zusatzthema, sondern eine zentrale fachliche und ethische Aufgabe. Dieser Beitrag liefert einen Überblick über Formen von Gewalt, präventive Maßnahmen und konkrete Handlungsstrategien für Pfleger und Pflegerinnen in allen Versorgungsbereichen.
 

1. Was versteht man unter Gewalt in der Pflege?

Gewalt in der Pflege umfasst alle Handlungen oder Unterlassungen, die das körperliche, psychische oder soziale Wohlbefinden einer Person beeinträchtigen. Sie kann in folgenden Formen auftreten:

  • Physische Gewalt: Schläge, Stöße, unsachgemäße Fixierung, grober Umgang beim Umlagern.
  • Psychische Gewalt: Herabwürdigungen, Drohungen, Ignorieren, lautes oder aggressives Sprechen.
  • Strukturelle Gewalt: Unangemessene Zeitvorgaben, fehlende Wahlmöglichkeiten, starre Abläufe, die die Autonomie der zu Pflegenden einschränken.
  • Vernachlässigung: Unzureichende Körperpflege, Flüssigkeitsmangel, mangelnde Schmerzbehandlung.
  • Sexualisierte Gewalt: Unangemessene Berührungen, anzügliche Bemerkungen, Verletzung der Intimsphäre.

Wichtig: Gewalt entsteht nicht nur aus böswilliger Absicht, sondern oft aus Stress, Unwissenheit oder systemischen Zwängen. Prävention beginnt daher mit Bewusstsein – nicht mit Schuldzuweisung.
 

2. Risikofaktoren erkennen – für alle Beteiligten

Bestimmte Faktoren erhöhen das Risiko für gewaltförmiges Verhalten – auf Seiten der zu Pflegenden wie auch auf Seiten der Pflegenden:

Bei zu Pflegenden:
  • Demenzielle Erkrankungen mit Agitation oder Wahnvorstellungen
  • Akute Schmerzen oder unerkannte Infektionen
  • Kommunikationsschwierigkeiten (z. B. bei Aphasie)
  • Angst, Verwirrtheit oder Orientierungslosigkeit

Bei Pflegenden:
  • Chronischer Personalmangel
  • Hoher Zeitdruck und administrative Belastung
  • Fehlende Schulung im Umgang mit herausforderndem Verhalten
  • Eigene Erschöpfung oder unverarbeitete emotionale Belastung

Die Erkennung dieser Risikofaktoren ermöglicht frühzeitiges Handeln – bevor es zu Eskalationen kommt.

 

3. Prävention durch professionelle Haltung und Kommunikation

Ein zentraler Baustein der Gewaltprävention ist die professionelle Haltung der Pflegenden. Dazu gehören:

  • Empathie statt Reaktion: Statt auf aggressives Verhalten mit Gegenaggression zu reagieren, hilft es, die dahinterliegende Not (z. B. Angst, Schmerz) wahrzunehmen.
  • Deeskalierende Kommunikation: Ruhe bewahren, klare, einfache Sätze verwenden, Blickkontakt auf Augenhöhe, respektvollen Abstand wahren.
  • Biografieorientierung: Kenntnis über Lebensgeschichte, Vorlieben und Trigger der zu Pflegenden reduziert Missverständnisse.
  • Teamabsprachen: Klare Rollenverteilung in kritischen Situationen (z. B.: Wer spricht an? Wer holt Unterstützung?) verhindert Chaos.
  • Regelmäßige Schulungen in Deeskalation, nonverbaler Kommunikation und gerontopsychiatrischer Grundbildung sind daher unverzichtbar.

 

4. Strukturelle Maßnahmen: Rahmenbedingungen schaffen

Gewaltprävention gelingt nicht allein durch individuelles Verhalten – sie braucht institutionelle Unterstützung:

  • Klare Schutzkonzepte: Jede Einrichtung sollte über ein dokumentiertes Gewaltpräventionskonzept verfügen, das Handlungsleitlinien, Meldeverfahren und Unterstützungsangebote definiert.
  • Ausreichend Personal: Studien belegen: Je höher die Personalbesetzung, desto geringer das Risiko für Gewalt – sowohl gegenüber als auch durch Pflegende.
  • Räumliche Gestaltung: Gut beleuchtete, übersichtliche Räume mit Rückzugsmöglichkeiten reduzieren Reizüberflutung und Aggression.
  • Dokumentation: Jeder Vorfall – auch verbale Übergriffe – sollte sachlich dokumentiert werden, um Muster zu erkennen und Schutzmaßnahmen abzuleiten.
     

5. Umgang mit Zwangsmaßnahmen: Das letzte Mittel

Fixierungen, medikamentöse Sedierung oder andere Zwangsmaßnahmen sind in der Pflege nur im absoluten Ausnahmefall zulässig – und auch dann nur, wenn sie dem Schutz der betroffenen Person oder anderer dienen und verhältnismäßig sind. Seitdem Pflege- und Qualitätsverbesserungsgesetz (PQVG) und der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGH) gelten strenge Vorgaben:

  1. Zwang muss ärztlich angeordnet und dokumentiert werden.
  2. Alternativen müssen vorher geprüft und ausgeschöpft sein.
  3. Die Maßnahme muss regelmäßig evaluiert und beendet werden, sobald sie nicht mehr nötig ist.
  4. Ziel muss stets sein, Zwang durch Beziehung, Verständnis und strukturelle Anpassung zu vermeiden.

 

6. Unterstützung für betroffene Pflegende

Pfleger und Pflegerinnen, die Opfer von Gewalt wurden, brauchen rasche und wirksame Unterstützung:

  • Sofortmaßnahmen: Sicherheit herstellen, Kollegin oder Kollegen informieren, ggf. Polizei rufen.
  • Nachsorge: Gespräch mit der Leitung, psychologische Erstbetreuung, Nutzung von Mitarbeiter:innen-Assistenzprogrammen (EAP).
  • Meldepflicht und -kultur: Vorfälle müssen gemeldet werden – nicht zur Sanktion, sondern zur systemischen Verbesserung.

Eine Kultur der Offenheit statt der Scham ist entscheidend, um Gewalt langfristig zu reduzieren.

 

Fazit: Gewaltprävention als gemeinsame Verantwortung

Gewalt in der Pflege ist vermeidbar – durch fachliches Wissen, empathische Haltung, gute Teamkommunikation und tragfähige Rahmenbedingungen. Prävention beginnt nicht erst bei der Eskalation, sondern im Alltag: in der Art, wie miteinander gesprochen wird, wie Zeit gestaltet wird, wie Entscheidungen getroffen werden. Pfleger und Pflegerinnen tragen eine hohe Verantwortung – sie haben aber auch das Recht auf Schutz, Respekt und sichere Arbeitsbedingungen. Gewaltprävention ist daher kein Zusatzmodul, sondern integraler Bestandteil guter Pflege.


Leonie

OTA

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